Buchcover zu Wer hat geknallt? von Gregor Bähr - Genre: kurzgeschichten

Wer hat geknallt?

Details:

Genre:Kurzgeschichten
Format:Taschenbuch, eBook
Seiten:140
Verlag:Books on Demand
ISBN/ASIN:978-3739232591

Klappentext:

Vom (oft eingebildeten) Großen und Kleinen, vom Leben und Lieben, vom Scheitern und Aufstehen, von Lebensfreude und Genuss handeln die Geschichten gescheiterter und dennoch tapferer Helden, zweifelhafter Virtuosen und offensichtlicher Dilettanten. Da passt auch die Geschichte des Philosophen genau in den Rahmen, der die Frage stellt, “Wer hat geknallt?“ und stattdessen die Antwort über den Wertekanon der Drosophila Melanogaster von ihr persönlich erhält. Doch die meisten der vierzehn Kurzgeschichten, Mini- und Mikro-Stories in diesem Erzählband geben Antworten auf gar nicht gestellte Fragen – von amüsant über skurril bis nachdenklich.

Inhalt:

Angesichts der galaktischen Ausmaße, die das Universum vom Urknall vor vielen Milliarden Jahren bis heute angenommen hat, mutet der thematische Bogen zum Gartenzwerg recht abenteuerlich an. Aber so ist nun mal der Mensch: Demut vor dem Großen, dem schier Unvorstellbaren ist seine Stärke nicht. Im Gegenteil, er ersinnt immer neue, kühne Theorien. Gleichzeitig aber sucht er Zuflucht im Kleinen, Überschaubaren und Vertrauten und findet nicht einmal in der Nachbarschaft seiner Gartenzwerg-Kolonie sein Paradies. Ja, große Fragen stellen und nicht beantworten können, dafür aber im Kleinen versagen – das sind die beiden wahren Seelen in unserer Brust und spiegeln sich in den Geschichten des Erzählbandes "Wer hat geknallt?" von Gregor Bähr exemplarisch wieder.

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Wo ist die Handlung?

I.
Der herrliche Frühlingstag entsprach nicht Corvin Brentanos Stimmung. Das war aber meistens so. Um seiner gewohnten Gemütslage gerecht zu werden, hätten tiefhängende Wolken mit Nieselregen übers Land ziehen müssen, nur dann und wann von ein paar kurzen Sonnenabschnitten aufgehellt. Er war aber nicht depressiv, viel mehr hatte sich über die vielen Jahre unkontrolliert eine Grundhaltung in ihm breit gemacht, die ihn fortwährend veranlasste, mit seiner Umgebung zu hadern. Dazu gehörte, dass er keinem Streit aus dem Weg ging. Solche Dispute drehten sich oftmals um Kaisers Bart, das hinderte ihn aber nicht, sich schnell in lautstarke Ausbrüche hineinzusteigern. Dann schreckte er auch vor persönlichen Verunglimpfungen nicht zurück. Kurz und gut: Corvin Brentano, der eigentlich Holger Markowski hieß, hatte ein sehr cholerisches Wesen.
Mit so einem Menschen ist nicht gut Kirschen essen, auch nicht an einem Bilderbuchtag wie heute. Seine Gartennachbarn ließen sich deshalb lieber zu geschäftigem Treiben animieren, als sich mit ihm am Zaun über Gartenpflege zu streiten. So säten sie Eissalat und Möhren ein, begutachteten die Stiefmütterchen rund um ihr Gartenhäuschen oder trimmten mit der Schere fein säuberlich die ersten, vorwitzigen Grashälmchen zwischen den Trittplatten.
Für die vielen Spaziergänger war die Kleingartenanlage am Rande ihres Städtchens ein Idyll gerade jetzt, wenn der laue Frühlingswind die rosa und weissen Blütenblätter der Obstbäume verschwenderisch über die Beete, Sträucher und Rasenstücke trieb. Mit in der Brise flog der feine, würzig herbe und mit honigsüßen Schlieren verwobene Duft, den die flanierenden Besucher witterten, je näher sie Corvins Gartenstück kamen. Dort fanden sie zu ihrer Verwunderung eine völlig sich selbst überlassene Wiese vor, rund acht auf zwölf Meter, eingefasst von einem Maschendrahtzaun und am hinteren Ende abgeschlossen von einem schmucken Gartenhaus. Der Anblick war ungewöhnlich inmitten all der abgezirkelten Beete der übrigen Schrebergärten. Viele der Spaziergänger blieben stehen, um die Farbenpracht von Kornblumen, Löwenzahn und Margeriten zu genießen. Die Gartennachbarn hingegen waren erbost, denn mit dem lauen Frühlingswind verteilten sich auch Pollen und Samen von der Wiese über ihre Gärten. Und bald nach dieser unwillkommenen Aussaat verschandelten Halme von Flughafer oder Rispengras die so perfekt gepflegten Tomaten- und Erdbeerbeete. Das führte regelmäßig zu Verdruss und Vorwürfen, die Herr Brentano aber einfach überhörte oder allenfalls mit einem genervten "Ja, ja" quittierte.
Mit diesen Leuten und dem ganzen Schrebergartenverein hatte er nichts am Hut. Zu dem Grundstück war er durch seine Mutter gekommen, als er gleich nach ihrem Tod vor ein paar Jahren die fällige Pacht entrichtet hatte. Nein, falsch. Er hatte seinen Bruder Wilfried darum gebeten, weil er gerade klamm war. Dabei blieb es dann und es ergab sich auch, dass er den Nutzen davon hatte, während Wilfried beruflich viel zu beschäftigt war, um sich hier häufiger als ein-, zweimal im Jahr sehen zu lassen. Das war ihm ganz recht, denn anders als sein Bruder, der tagein, tagaus zwischen seiner Kanzlei und Gerichtsterminen pendelte, brauchte Corvin, der Literat, Freiheit für seinen Geist.
Wenn er auch die kleinbürgerliche Spießigkeit dieser Gartengesellschaft verachtete, war ihm doch sehr daran gelegen, im Grünen die Sommertage zu verbringen, so oft es ging. Hier konnte er sich konzentrieren und seine Gedanken fliegen lassen wie die Gräserpollen seiner Wiese, weit übers Land, fort von Zeit und Raum.

II.
Er berauschte sich gern an der Vorstellung, hier im Garten äußerst kunstvolle und filigrane Formulierungen auf Papier gerinnen zu lassen, um sie dann unter dem mechanischen Stakkato seiner Olivetti Valentine in Novellen, Erzählungen und Romanen zur Vollendung zu bringen, so hatte er es einmal bei einem literarischen Frühschoppen beschrieben.
Ja, wenn ihm wieder einmal eine seines Erachtens geniale Passage oder Metapher gelungen war und er sie auf ‚Papier gerinnen’ ließ, dann schloss er die Augen, warf den Kopf ruckartig in den Nacken und schüttelte kurz seine ‚Mähne’, wie er sie insgeheim nannte. So brachte er die mittlerweile etwas schütteren, aber immer noch wallenden, aschgrauen Haare wieder in die ihm so lieb gewordene Façon. Bei ganz besonderem Anlass zur Selbstbewunderung strich er anschließend noch mit der glatten Handfläche ein paar imaginäre Strähnen über die Schläfe hinter das rechte Ohr, auf dass die Mähne noch mehr an imposantem Eindruck gewänne. Diese so standesgemäße Haartracht eines Literaten stand aber leider im Gegensatz zu seinem übrigen Outfit, das man bestenfalls als abgetragen bezeichnen konnte, wenn man die schon sichtbar abgewetzte und völlig ausgebeulte schwarze Cordhose betrachtete, aus deren gürtellosem Bund ein mächtiges Gewölbe quoll. Auch die ausgeleierte, grüne Strickweste mit einem Loch am linken Ellbogen wirkte abgerissen. Aber vielleicht war die Aufmachung auch nur seiner momentanen Umgebung angepasst, sozusagen als sichtbares Statement der Missachtung dieser "Nacktschneckendompteure" jenseits seines Maschendrahtzaunes. Oh ja, Corvin Brentano fielen immer neue, beleidigende Titulierungen für seine Schrebergärtner ein.
Als letztes Jahr eine Abordnung des Gartenvereinsvorstandes wegen der ungezügelten Verbreitung der Gräserpollen bei ihm auftauchte, eskalierte die Diskussion schnell: Sie sollten ihn gefälligst in Ruhe lassen und ihm keine Vorschriften machen wollen, wie er seinen Garten zu pflegen habe. Er halte nichts von den zutiefst unnatürlichen Maßnahmen, "mit denen ihr kleinkarierten Gartenzwerganbeter die Natur vergewaltigt! Wenn ihr könntet, dann würdet ihr ja noch die Wurzeln eurer Radieschen kämmen, damit sie möglichst akkurat im Erdreich stehen!"
Er brüllte sie zusammen und das in einer für ihn typischen Wortgewalt, so dass sie schnell wieder von dannen zogen, nicht ohne ihm mit Sanktionen und Konsequenzen zu drohen, bis hin zum Ausschluss aus dem Verein und damit dem erzwungen Verlassen dieser Gemeinschaft.
Die Erklärung, warum er so misanthropisch geworden war, verlor sich in der Vergangenheit seiner nunmehr achtundfünfzig Jahre. Die wenigen Bekannten, die er hatte, vermuteten diese Haltung in der hartnäckigen Erfolglosigkeit seines Schriftstellerdaseins, vielleicht lag sie auch an dem Neid auf seinen jüngeren Bruder. Denn der, Wilfried Markowski, war hier im Städtchen und darüber hinaus ein angesehener Rechtsanwalt. Wie dem auch sei, Corvin Brentano, alias Holger Markowski, tat sich mit seiner Umgebung schwer und umgekehrt.
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Der Autor

Gregor Bähr, geboren 1946 in Altenstadt/Iller. Von Hause aus freier Werbetexter. Wohnort Stuttgart. Vita: Altsprachliches Gymnasium, Lehre zum Offsetdrucker und Militär im Sanitätsdienst. Studium der Wirtschaftskommunikation und Marketing in Berlin. Im Anschluss zweijähriger Aufenthalt in Italien als Reiseleiter (Ischia, Capri). Nach der Rückkehr Arbeit in mehreren Marketingagenturen als Kundenberater, Texter und Etat-Direktor. Seit 1989 freier Texter und Fachjournalist. Seit 2013 auch Schriftsteller.

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