Buchwerbung
Jyväskylä ist auch nur eine Stadt von Quentin May

Jyväskylä ist auch nur eine Stadt

Details:

Genre:Gesellschaftsromane, Kurzgeschichten
Format:Taschenbuch, eBook
Seiten:144
Distributor:Books on Demand
ISBN/ASIN:978-3744813334

Klappentext:

JYVÄSKYLÄ IST AUCH NUR EINE STADT ist Quentin Mays Buchdebüt, in dessen Texten er den Alltag und seine Überraschungen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

In einer Zeit, in der Mobilität und Flexibilität einen immer größeren Stellenwert einnehmen, hält May an den unterschiedlichsten Orten inne, um im ersten Teil des Buches das Unterwegssein zu beobachten und zu kommentieren. Mal komisch, mal tiefsinnig und gerne auch positiv nachdenklich.

Und da jeder, der unterwegs ist, irgendwann irgendwo ankommt, schließen sich im zweiten Teil Betrachtungen zu Themen an, die genau dort passieren. Da, wo man ankommt. Dabei kann es um den tieferen Sinn und Unsinn von Abkürzungen gehen oder auch um die Frage, ob man als Goldankäufer glücklich ist.

Inhalt:

Das Leben ist wie ein Buch,
und wer nicht reist, liest nur ein wenig davon!

Aurelius Augustinus (354 – 430)

Nur Reisen ist Leben,
wie umgekehrt das Leben Reisen ist.

Jean Paul (1763 – 1825)

Neben den Naturgesetzen gibt es nur eine weitere allgemeingültige Konstante:
Sturgeons Gesetz

Quentin May (1969 – ?)

Matkustaminen avartaa. (= Reisen bildet.)

Finnisches Sprichwort

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Leseprobe

Wandertag

Als ich im Frühjahr eines morgens die Rolläden unserer Wohnzimmerfenster hochziehe, ist er plötzlich da. Schon wieder ein Jahr vorbei? Ist der Winter Geschichte? So muss es sein. Denn dort steht er, der als Kontrollpunkt verkleidete Bierwagen. Kein Zweifel, heute ist der erste Wandertag der Saison, ganz früh im März.

Nach einem ersten Kaffee als schnellem Frühstück schaue ich mir das an. Ich tarne meine Inspektionsrunde mit einem Gang zum Bäcker. Das gibt mir die Gelegenheit, auf dem Rückweg meine Eindrücke vom Hinweg nochmals zu vertiefen. Ist alles so wie in den Vorjahren? Oh ja, Wanderer scheinen Traditionalisten zu sein. Zumindest diejenigen, die über Nacht die Infrastruktur für die Veranstaltung installiert haben.

Es ist gerade mal kurz nach Acht, aber alles ist komplett. Dort, wo der Wanderweg die wenig befahrene Straße unserer Siedlung kreuzt, hängen orangefarbene Warnschilder. Die Autofahrer lesen „ACHTUNG WANDERER!“ Das ist durchaus sinnvoll. Der eine oder andere Fahrer könnte bei höherer als erlaubter Geschwindigkeit doch schon mal eine Wandergruppe hinter der Kurve übersehen und sie sich dann ungewollt auf die Motorhaube laden.

Allerdings werden tatsächlich auch die Wanderer mit „ACHTUNG STRASSE!“ gewarnt. Gibt es Highspeedwanderer die tief im Adrenalinrauschtunnel sind und die Straße übersehen würden?

Entlang des Wanderwegs ist fast jede Laterne, jeder Pfosten, jeder Baum und Strauch mit Klebeband markiert, ebenfalls in orange. Je nach Durchmesser des umklebten Objektes liest man dort NDERWE oder WANDERW oder NDE oder ANDER oder RWEG. Den kompletten Schriftzug muss man sich nach und nach zusammensuchen, weiß dann zur Belohnung aber auch immer, dass man auf dem rechten Pfad wandert.

Einer mittelalterlichen Zollstation gleich steht der Bierwagen an der Weggabelung, als ob er nie etwas anderes machen möchte. Besetzt ist er auch schon. Ich höre zwei Damen den neuesten Tratsch durchkauen. Ihr fröhliches Geschnatter würde es auch blinden Wanderern unmöglich machen, hier ohne Kontrollstempel vorbeizukommen.

An der Ausstattung wurde nichts ausgelassen. Links vom Wagen steht der Wassernapf für Hunde, überhöht von einem handgeschriebenen Pappplakat mit dem Text „Nur für Hunde!“ und einem großen Pfeil mit der Spitze nach unten. Aha, es wird also auch mit tierischer Begleitung gewandert. Diese subtilen Hinweisschilder habe ich nie ganz verstanden. Die allermeisten Hunde können kaum lesen und wer, außer Vierbeinern, würde sich für ein 0,6 Liter-Wassergefäß auf Bodenhöhe interessieren? Besteht Gefahr, dass dehydrierte Wanderer den campergroßen Bierwagen übersehen und eher ihr ausgedörrtes Antlitz in den Wassernapf für Hunde versenken?

Sowohl an der Rückseite des Wagens als auch an der Theke selbst sind große „Kontrollpunkt“-Schilder angebracht. Daran kann niemand vorbeiwandern, so konzentriert man auch unterwegs ist. Wäre auch schade, denn die Damen im Bierwagen locken nicht nur mit dem begehrten Stempel für den Wanderpass, sondern auch mit angemessenen und umfangreichen Verpflegungsmöglichkeiten.

Die ausgehängten Preislisten bieten die gesamte mobile Getränkebandbreite an, inklusive der obligatorischen Säfte (A und O), Pils, Kaffee (nein, keine Latte macchiato-Plörre, einfach nur Kaffee), Tee (verschweigend, ob im Beutel oder lose und ob schwarz, grün oder sonstwas), Cola, Fanta, Sprite, Weizenjunge, Pikkolöchen. Da fehlt nichts aus dem Schützenfestangebot.

Auf der Theke sieht man unter durchsichtigen Hauben, die an Mond-Kolonien aus wissenschaftlichen Schwarzweiß-Fernsehreportagen der späten 60er erinnern, die Klassiker, die aufs Verspeisen warten: Mettbrötchen, Käsebrötchen, Salamibrötchen, Frikadellen. Es gruselt einem ein wenig, wenn man an den Nachmittag denkt. Es hat keine 15 Grad minus mehr und bei hautwarmer Temperatur welken diverse Lebensmittel ohne Kühlung irgendwann mal vor sich hin.

Vielleicht bin ich zu schnell vorbeigegangen und wollte nicht zu auffällig in den Wagen starren, aber ich vermute im diffusen Halbdunkel des unbeleuchteten Wagens auf der Theke die selbstgemachten Kartoffel- und Nudelsalate gesehen zu haben, ohne die im Ruhrgebiet kein geselliges Zusammensein möglich ist.

Auf meinem weiteren Weg gerate ich vollends auf die Wanderroute. Kein Zweifel möglich, die Hinweisklebebänder verraten es mir. Scheinbar läuft der durchschnittliche Wettwanderer Gefahr, sich auf einer lotgeraden Strecke ohne Abzweigmöglichkeiten zu verlaufen. Oder warum leuchtet an jedem Strauch, Baum und anderen senkrecht in die Höhe ragenden Gegenständen das liebgewonnene Band? Wenn das Orange floureszieren würde, dann könnte man im Dunkeln vom Hubschrauber aus mit einer UV-Brille sehen, wie sich eine Perlenkette an Hinweiskringeln um und durch Stadt und Land zieht. Faszinierend, irgendwie.

Auf dem Rückweg, zurück auf dem Racetrack, sehe ich sie dann. Manche sind früh gestartet, wollen wohl den größten Teil der Strecke absolviert haben, bevor die mörderische Frühlingssonne einsetzt. Denn schon lehnen die ersten Wanderer ihre Ellbogen auf die Theke des Bierwagens. Vor sich, bereits halb ausgetrunken, die gezapften Pilsgläser. Wenn ich an Verpflegungspunkte bei meinen Marathonläufen denke, dann waren dort ehrenamtliche Helfer, die emsig und hektisch stundenlang Bananenstücke, Mineralwasserplastikbecher und ab Kilometer 30 winzige 0,1l-Coladosen an die ausgelaugten Läufer reichten. Zeit hatten wir nie und ich hatte Mühe, ein Wort des tiefempfundenen Dankes aus meinem gequälten Körper herauszupressen. Und hier? Smalltalk ohne Ende. Man kennt sich und man sieht sich heute mal draußen.
„Machse noch eins?“
„Ja sicha. Und sonns?“
„Allet klar. Aber weisse, neulich hat der…“
Ab hier wird der Dialog austauschbar. Ich wende lieber meinen Blick den Wanderern zu, die jetzt aus unterschiedlichen Richtungen dem Kontrollpunkt entgegenstreben. Extrem nervend sind die dürren und gut trainierten Seniorinnen, die mit ihren keifenden Stimmen nicht nur die Umgebung, sondern scheinbar auch seit Jahrzehnten ihre Lebenspartner um den Verstand bringen. Erkennbar an der stummen Es-hat-ja-alles-keinen-Sinn-Miene ihrer männlichen Begleitungen. Die Damen sind leider so fit, dass man ihnen nicht davonwandern kann. Sorry guys, von mir könnt ihr keine Hilfe erwarten.

Ich bin kein Freund von Klischees, aber es hilft nichts. Kein Klischee entsteht aus reinem Selbstzweck. Hier herrscht immer noch König „Beige der Ewige“. Das Grauen hat oft unterschiedliche Namen, aber immer eine Farbe, nämlich grau-beige. Doch in diesem Jahr wird die übliche Grau-Diktatur mehr als üblich durchbrochen. Man sieht diverse Partnerlook-Paare in bicolor-Jacken gekleidet. Auf den Schultern dunkelblau, bis zu den Knien dann knallrot oder auch in schwarz/blau. Immer paarweise. Hat das Gemeckere der Geschmacksmissionare dieses Landes am Ende vielleicht doch etwas bewirkt?

Was besser ist? Keine Ahnung. Eigentlich ist es angenehm, wenn man den Gegner an seinen Codes erkennt. Aber einerseits sind Wanderer keine Gegner und andererseits ist beige keine Farbe und erst recht kein Code.

Es sieht so aus, dass alle Beteiligten ihren Spaß haben. Wandern von hier nach da oder von dort nach hier. Und alle Wege kreuzen sich an diesem Kontrollpunkt. Ich bin zurück in unserer Wohnung, frische Brötchen und Croissants in der Tasche, sowie eine Samstagszeitung.

Ich bin bereit, mir das grau-bunte Treiben anzusehen. Mir kommt Jochen Distelmeyer in den Sinn, der das melancholische Leben-Beobachten zur hohen Kunst entwickelt hat. Die Wanderer ziehen an mir vorbei, sie sehen mich hinter meinem Wohnzimmerfenster kaum. Ich habe meine Blumfeld-LPs herausgekramt und freue mich meines Daseins. Wandert Ihr mal, habt Spaß. Das kann nicht das Schlechteste sein.

Der Autor

Nachdem der erste Romanversuch erst einmal in der berühmten Schublade „Zur späteren Bearbeitung“ gelandet ist, hat sich Quentin May entschlossen, die in der Zwischenzeit entstandenen Texte und Kurzgeschichten als DIY-Werk zu veröffentlichen. Herausgekommen ist ein Buch, das sich nicht nur zwischen den beiden geographischen Polen des Autors (Bochum und Finnland) bewegt, sondern einen Bogen von der heimatlichen Wanderung bis zur interstellaren Reise schlägt.

Quentin May wurde 1969 in Bochum geboren. Als bekennender Ruhrgebietler lebt er in seiner Geburts- und Heimatstadt und arbeitet in der Region, regelmäßig unterbrochen von Aufenthalten in Finnland. Zur Zeit schreibt er an seinem ersten und zweiten Roman und einer weiteren Textsammlung.

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