Vom Flüchten von Cordula Gartmann

Vom Flüchten

Details:

Genre:Biografien, Historische Romane
Format:Taschenbuch
Seiten:128
Distributor:Epubli
ISBN/ASIN:978-3748555377

Klappentext:

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges muss die 13jährige Janne ihr Zuhause zusammen mit Mutter, Tante und Geschwistern verlassen; sie fliehen vor den anrückenden russischen Soldaten.

Janne muss schnell erwachsen werden. Sie erlebt die Schrecken des Krieges, aber auch den Zusammenhalt in der Familie, Freundschaft und die Stärke der Frauen, die sich durchkämpfen, anpassen, nie aufgeben.

Inhalt:

Meine 87jährige Tante erzählte mir eine Geschichte, die mich sehr berührte: Wie sie im Winter 1943 flüchten musste und fast erfror. Ich schrieb die Geschichte auf. Erweiterte das ganze, recherchierte, las, schrieb einen Roman. Legte das Manuskript in die Schublade. Ich bin Texterin und die Idee, ein Buch zu schreiben, hatte ich schon länger. Aber immer kam etwas dazwischen. Dann erkrankte ich an Krebs. Wurde fünf mal operiert, Chemotherapie – die ganze Hölle. Und dachte mir: „Bring das Buch raus. Wer weiß, wie lange du noch hast.“ Anstatt mich auf die lange Suche nach einem Verlag zu begeben, habe ich es bei neobooks selbst heraus gebracht. Lektoriert wurde das Buch von einem befreundeten Lektor.

Das Thema Flucht ist aktueller denn je. Dabei wird häufig vergessen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass auch in Deutschland Menschen flüchten mussten. Mir ist wichtig, dass diese Erinnerungen bewahrt werden, auch wenn es bald keine Zeitzeugen mehr gibt.

Leseprobe

Als ich an diesen Morgen vor die Haustür trat, traf mich die Kälte wie ein Schlag. Die Temperatur war noch einmal gesungen. Minus 20 Grad. Wie tausend feine Glassplitter, die in die Haut stachen. Es war so kalt, dass ich mit nicht einmal traute, den Mund zu öffnen. Ich drehte mich noch einmal um und sah meine kleine Schwester am Fenster stehen und winken. Ich war ein wenig neidisch, dass sie in der warmen Küche bleiben durfte, während ich zur Schule gehen musste, tröstete mich aber damit, dass es nur drei Stunden waren. Ein bisschen Rechnen und Schreiben und dann gab es köstliche Eierpfannkuchen mit Zucker und Zimt!
Wir brauchten mit dem Bus rund 30 Minuten zur Schule, denn wir stoppten an mehreren Haltestellen, um Kinder von den umliegenden Höfen und Dörfern einzusammeln.
Während des Unterrichts schneite es weiter. Dicke, weiße Flocken, die ununterbrochen vom Himmel fielen und sich zu Schneebergen auftürmten. Ich schaute die meiste Zeit aus dem Fenster und wurde von Frau Kiehne, unserer Klassenlehrerin, ermahnt. Ich mochte sie nicht. Sie hatte dicke Hamsterbacken und watschelte wie eine Ente, wenn sie über den Pausenhof ging. Da viele Lehrerinnen als Flakhelferinnen abkommandiert worden waren, waren einige der älteren, bereits pensionierten Lehrerinnen, wieder in den Schuldienst berufen worden. Frau Kiehne war eine dieser älteren Lehrerinnen und man merkte ihr an, dass sie nicht die geringste Lust hatte, uns zu unterrichten.
Sie schlug uns häufiger als die anderen Lehrer und sie benutze dazu einen Rohrstock, mit dem sie auf unsere Fingerkuppen schlug. Es tat höllisch weh. Konnten wir eine Rechenaufgabe nicht lösen, mussten wir uns in die Ecke stellen. Welch pädagogisches Prinzip auch immer dahinter stecken mochte, bei mir sorgte das stundenlange Eckestehen dafür, dass ich eine tiefe Abneigung gegen Mathematik entwickelte, einhergehend mit einem Unverständnis für Logik.

Als die letzte Stunde vorbei war und wir zum Ausgang stürmten, lag der Schnee schon so hoch, dass wir kaum vorankamen. Zwar hatte der Hausmeister der Schule den ganzen Vormittag Schnee geschoben, dick eingepackt in Mantel, Schal, Handschuhen und Russenmütze, aber es schneite so heftig, dass er kaum dagegen ankam. Jetzt stand er schwer atmend an der Bushaltestelle, hatte seine Arme auf den Schneeschieber gestützt und unterhielt sich mit dem Busfahrer darüber, dass es noch nie so heftig geschneit hatte und er sich nicht erinnern konnte, wann es zum letzten Mal so kalt war. Der kondensierende Atem der Beiden bildete eine kleine Nebelwolke.
Wir kämpften uns durch den Schnee, stiegen mit hochroten Gesichtern in den wartenden Bus und kletterten auf unsere Sitze. Es war wie üblich laut, Lise und Frida spielten einen Klatschreim und riefen im Chor „ Bei Müll-ers hat ge-brannt, brannt brannt….“ Monika zankte lautstark mit ihrem älteren Bruder, Hilde weinte schon wieder. (Hilde weinte eigentlich immer und war deshalb nicht sonderlich beliebt.) Der Schnee fiel immer dichter und bald konnten wir, wenn wir aus dem Fenster sahen, nur eine dicke Schneeschicht sehen, die alles bedeckte.
Plötzlich gab es einen Ruck, der Bus drehte sich, schlitterte über die Fahrbahn und kam dann zum Stehen. Im ersten Moment herrschte erschrockenes Schweigen.
Der Busfahrer -er hieß Zykanowski, aber wir nannten ihn heimlich Zyankali- stand auf und kam in den Gang, um zu fragen, ob eines der Kinder verletzt sei und war erleichtert, dass alle den Unfall unbeschadet überstanden hatten.
Er öffnete die Tür und verschwand kurz, um nachzusehen, was passiert war. Kurz darauf kam er zurück, Mantel und Mütze über und über mit Schnee bedeckt. Er klopfte sich die Flocken vom Mantelkragen und erklärte:
„Es geht erst mal nicht weiter, Kinder. Wir haben einen Platten."
Er stand etwas unschlüssig herum, überlegte, setzte sich dann wieder auf seinen Platz hinter dem Steuer. Wir warteten, spielten weiter Klatschreim, stritten und lachten.
Nach einer Weile öffnete Hilde das Fenster und rief:
„So viel Schnee! Guckt mal, er ist ganz hochgetürmt!“
Wir taten es ihr nach, öffneten die Fenster und schoben unsere Hände jauchzend in den dicken Pulverschnee, der inzwischen so hoch lag, dass er bis zum Fenster reichte. Schnell waren Schneebälle geformt und wir bewarfen uns damit, lutschten an dem Schnee in unseren Händen und lachten. Zyankali stand unvermittelt auf, kam hastig den Gang entlang.
„Lasst diesen Unsinn! Macht sofort die Fenster zu!“
Wir gehorchten mit eingezogenen Köpfen und wussten nicht, warum er plötzlich so schlecht gelaunt war.
„Es ist eiskalt draußen. Wenn ihr die Fenster aufmacht, wird es hier drinnen auch eiskalt, versteht ihr? Und ich weiß nicht, wann die uns finden.“
Er kratzte sich unschlüssig am Hinterkopf und überlegte, was als nächstes zu tun war. Sein letzter Satz zeigte Wirkung.
Wann die uns finden?

Die Autorin

Cordula Gartmann, geboren 1969 in Mölln, wächst in Schleswig-Holstein auf. Ihre Eltern erleben als Kinder den Zweiten Weltkrieg und müssen flüchten. Dies prägt nicht nur die Eltern, sondern auch sie selbst. Schon früh beschäftigt sie sich mit den Themen Krieg, Flucht und Vertreibung. Mit dem Schreiben beginnt sie schon mit 13 Jahren. Nach einer Ausbildung und einigen Jahren in der Hotelbranche gibt sie ihrem Leben eine ganz andere Richtung und beginnt für die Umweltschutzorganisation Greenpeace zu arbeiten.

Heute lebt und arbeitet Cordula Gartmann als Texterin in Hamburg. Sie betreibt außerdem den vegetarischen Food Blog „Die Grüne Seele“.

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